Bibliothek › 6. Kata › Bunkai
Bunkai (分解) bedeutet wörtlich „Zerlegung, Analyse“ (分 bun, „teilen“, 解 kai, „lösen, erklären“). Im Karate bezeichnet der Begriff die Analyse einer Kata und die Anwendung ihrer Bewegungen mit einem Partner. Eine Kata ist damit nicht nur Formlauf, sondern ein Speicher von Techniken und Prinzipien, die erst durch Bunkai verständlich werden.
Drei Ebenen der Anwendung
Besonders bei den traditionellen Kata lassen sich die Bunkai in drei Ansätze unterteilen:
- Omote (表, „Vorderseite, Oberfläche“) – oberflächliche Anwendung: die offensichtliche Deutung, etwa eine Bewegung als Block und die folgende als Stoß.
- Ura (裏, „Rückseite, Verborgenes“) – versteckte Anwendung: dieselbe Bewegung wird anders gelesen, etwa als Befreiung aus einem Griff, als Hebel oder als Schlag auf einen Vitalpunkt.
- Honto (本当, „wahr, eigentlich“) – geheime Anwendung: die eigentliche, innerhalb einer Schule mündlich weitergegebene Bedeutung, die oft Greif-, Wurf- und Kontrolltechniken auf kurze Distanz umfasst.
Die Ebenen bauen aufeinander auf: Omote wird meist zuerst gelernt, Ura und Honto erschließen sich mit wachsender Erfahrung und durch Anleitung. Eine Bewegung kann daher mehrere gültige Anwendungen haben.
Bunkai, Kake-Te und Tegumi
Im Gōjū-Ryū ist Bunkai eng mit Kake-Te (掛け手) verbunden, einer Partnerübung mit ständigem Armkontakt, die Gleichgewicht, Gefühl für den Gegner und Arbeit auf kurze Distanz schult. Kake-Te bildet den Übergang von der Kata zur freien Anwendung. Ähnliches gilt für Tegumi (手組), das alte okinawanische Ringen, in dem viele Greif-, Hebel- und Wurftechniken der Kata ihre Wurzel haben sollen.
Bezug zu Quellen und Forschung
Einen systematischen Zugang bietet Patrick McCarthys Theorie der „Habitual Acts of Physical Violence“ (HAPV): Die Kata werden als Antworten auf typische Formen körperlicher Gewalt gelesen (siehe Koryū Uchinadi und HAPV). Die 48 Zeichnungen zur Selbstverteidigung im Bubishi gelten als frühe Darstellung solcher Anwendungen.
Bezug zu den Kata
Bunkai wird zu allen Kata dieser Bibliothek geübt: zu den Fukyu-Kata, den Heishu-Kata Sanchin und Tenshō, den Kaishu-Kata und den Meibuken-Kata. Siehe auch Kumite.
Quellen
- Patrick McCarthy: Bubishi. The Classic Manual of Combat. Tuttle Publishing, Tokio 1995.
- William Durbin: Mastering Kempo. Human Kinetics, Champaign 2001, S. 146, ISBN 0-7360-0350-9.
- Lawrence A. Kane, Kris Wilder: The Way of Kata. A Comprehensive Guide to Deciphering Martial Applications. YMAA, Boston 2005, ISBN 978-1-59439-058-6.
- Iain Abernethy: Bunkai-Jutsu. The Practical Application of Karate Kata. NETH Publishing, Cockermouth 2002, ISBN 978-0-9538932-1-8.
- weiterführend: Wiktionary, Eintrag 本当