Koryū Uchinadi und HAPV

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Koryū Uchinadi Ryūkyū Kenpō Jutsu (kurz Koryū Uchinadi, 古流沖縄手) ist das von Patrick McCarthy entwickelte System, das alte okinawanische Kampfmethoden auf Grundlage historischer Forschung und funktionaler Analyse rekonstruiert. Koryū bedeutet „alte Tradition“, Uchinadi ist das okinawanische Wort für „Hand Okinawas“ (jap. Okinawa-te). McCarthy (geb. 1954 in Kanada), Hanshi und langjähriger Forscher zur Geschichte des Karate, gründete Ende der 1980er-Jahre die International Ryukyu Karate Research Society (IRKRS, 琉球唐手術国際研究會), die seine Lehre international verbreitet. Er lebte und unterrichtete lange in Japan und Australien und lebt heute auf Okinawa. Im Ōkami Dō wird seine Arbeit besonders geschätzt; die Bibliothek stützt sich in mehreren Kapiteln auf seine Bücher und Gespräche mit ihm.

Forschungsbasierter Ansatz zur Kata

Ausgangspunkt ist die Frage, wofür die Kata ursprünglich geschaffen wurden. McCarthy versteht Kata als aufgezeichnete Antworten: als Solo-Zusammenfassung von Techniken, die zuvor mit einem Partner gegen bestimmte Angriffe geübt wurden. Die Kata ist demnach nicht der Anfang, sondern das Ende des Lernprozesses – eine Art Merkhilfe für bereits verstandene Anwendungen. Im Unterricht wird dieser Weg daher umgekehrt beschritten: zuerst der Angriff und seine Lösung mit dem Partner, dann die Einordnung in die Kata.

Die Anwendungen (Bunkai, 分解, „Zerlegung“) werden in Partnerübungen (Futari Geiko) entwickelt, die vom festgelegten Ablauf zu freierem, spontanem Üben führen. Eine wichtige Rolle spielt dabei Tegumi (手組), ein altes okinawanisches Ringen, das McCarthy als Wurzel vieler Greif-, Hebel- und Wurftechniken in den Kata ansieht. Schlagen, Greifen, Hebeln, Werfen, Würgen und das Kontrollieren am Boden gelten so als zusammengehörige Teile einer Methode.

Habitual Acts of Physical Violence (HAPV)

Kern des Ansatzes ist McCarthys Theorie der Habitual Acts of Physical Violence (HAPV), auf Deutsch etwa „gewohnheitsmäßige Formen körperlicher Gewalt“. Sie geht davon aus, dass die alten Meister ihre Kata nicht gegen sportliche Karate-Techniken entwarfen, sondern gegen die Angriffe, die im zivilen Alltag tatsächlich vorkommen: Greifen, Stoßen, Schwinger, Umklammerungen, Würgen, Tritte, Tackles und Angriffe mit Gegenständen. Eine Anwendung gilt nach diesem Maßstab erst dann als plausibel, wenn sie zu einem solchen realistischen Angriff passt.

McCarthy fasst diese Angriffe in einer Liste von 36 HAPV zusammen. Die Zahl 36 knüpft an die Tradition chinesischer Kampfkunst-Zahlen an und wird auch im Bubishi verwendet. Die Liste lässt sich grob in folgende Gruppen ordnen:

  • Greifen und Halten: Griffe an Handgelenk, Arm, Kleidung, Revers oder Haare.
  • Umklammern: Umklammerungen von vorn und hinten (mit oder ohne Arme), Schwitzkasten.
  • Würgen: Würgegriffe von vorn, von hinten und von der Seite.
  • Stoßen und Schlagen: Wegstoßen, gerade Schläge, Schwinger, Kopfstoß.
  • Treten und Tackle: Tritte, Knie, Beinangriffe und Niederreißen.
  • Waffen und Gegenstände: Angriffe mit Stock, Messer oder Alltagsgegenständen.

Die genaue Formulierung der einzelnen Punkte ist in McCarthys Veröffentlichungen nachzulesen; die Gruppierung hier ist eine vereinfachte Übersicht.

Verbindung zum Bubishi

McCarthys Übersetzung des Bubishi (1995) ist eng mit diesem Ansatz verbunden. Die 48 Zeichnungen zur Selbstverteidigung im Bubishi zeigen Angriffe und Antworten mit Greif-, Hebel- und Wurftechniken und stützen damit die Sicht, dass die südchinesischen Wurzeln des Karate weit mehr als Schlag und Abwehr umfassten. Auch das Kempō Hakku mit dem Grundsatz der Anpassung an den Wandel passt zum Gedanken, Techniken an realistischen Situationen zu prüfen.

Bezug zum Training

  • Bunkai beginnt beim Angriff: Welche Form von Gewalt soll eine Kata-Sequenz lösen?
  • Partnerübungen und Kumite verbinden Kata und Anwendung; Tegumi und Kake-Te schulen Kontakt, Gleichgewicht und Gefühl für den Gegner.
  • Die Kata bleibt das Gedächtnis der Methode, wird aber immer im Zusammenhang mit ihrer Anwendung geübt.

Quellen

  • Patrick McCarthy: Bubishi. The Bible of Karate. Tuttle Publishing, Tokio 1995, ISBN 0-8048-2015-5.
  • Patrick McCarthy: Artikel und Lehrmaterial zu HAPV und Koryū Uchinadi (IRKRS).
  • International Ryukyu Karate Research Society (IRKRS): offizielle Website
  • Patrick McCarthy: Koryu Uchinadi. USAdojo.com, 25. 1. 2011.
  • Emily Fitzgerald: Imagining embodiment in karate kata. Martial Arts Studies 15, 2024, S. 42–50, doi:10.18573/mas.178.
  • Wojciech J. Cynarski: Fighting arts: between formality and spontaneity. Ido Movement for Culture 21 (4), 2021, S. 47–52, doi:10.14589/ido.21.4.7.
  • Persönliche Gespräche mit Patrick McCarthy.

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