Ist Karate ein Sport oder eine Kampfkunst? Die Antwort hängt davon ab, welches Karate gemeint ist. Diese Seite zeichnet nach, wie aus der ganzheitlichen Kampfkunst Okinawas das moderne Wettkampfkarate wurde – und warum das Ōkami Dō den traditionellen Weg geht.
1. Okinawa als Ursprung
Karate entstand im Königreich Ryūkyū, dem heutigen Okinawa. Dort verband sich eine einheimische Kampfkunst, meist einfach Te („Hand“) genannt, mit chinesischen Kampfkünsten, die über die engen Handelsbeziehungen nach Fujian auf die Insel kamen. Daraus entwickelte sich Tōde bzw. Karate in der Schreibung 唐手 – „Hand aus China“ (wörtlich „Tang-Hand“).
Überliefert wurde diese Kunst im kleinen Kreis, von Lehrer zu Schüler. Sie umfasste neben Schlag-, Stoß- und Trittechniken auch Hebel, Würfe, Atemarbeit und Gesundheitsübungen. Ein wichtiges Zeugnis ist das Bubishi, ein chinesisches Handbuch, das auf Okinawa weitergegeben wurde und auch Heilkunde und Vitalpunkte behandelt.
Quellen: Patrick McCarthy, Bubishi – The Classic Manual of Combat (Tuttle, 2008); Morio Higaonna: Traditional Karatedo, Vol. 1. Japan Publications, Tokio 1985, S. 17, ISBN 0-87040-595-0; Mark Bishop: Okinawan Karate. A & C Black, London 1989, ISBN 0-7136-5666-2.
Ausführlicher zur Vorgeschichte: Geschichte der Kampfkunst und Geschichte des Karate in der Bibliothek.
2. Der Weg nach Japan im frühen 20. Jahrhundert
1879 wurde das Königreich Ryūkyū von Japan annektiert und als Präfektur Okinawa eingegliedert. In der Folge wurde Karate schrittweise in das japanische Bildungssystem eingebunden: Ab 1901 unterrichtete Itosu Ankō Karate an Schulen in Okinawa, vereinfacht und auf körperliche Ertüchtigung ausgerichtet; dafür entstanden die Pinan-Kata.
1922 stellte Funakoshi Gichin Karate in Tokio vor und begründete dort die Stilrichtung, die später als Shōtōkan bekannt wurde. In den 1920er- und 1930er-Jahren wurde Karate an japanischen Universitäten verbreitet und an die Formen japanischer Budō-Disziplinen angepasst: Gürtelgrade, einheitliche Kleidung, Gruppentraining. 1933 wurde Karate vom Dai Nippon Butokukai als japanische Kampfkunst anerkannt.
Sichtbares Zeichen dieses Wandels ist die Schreibweise. Auf einer Versammlung okinawanischer Meister in Naha 1936 wurde empfohlen, 唐手 („China-Hand“) durch 空手 („leere Hand“) zu ersetzen. Die Aussprache blieb gleich, doch der Bezug zu China verschwand – in einer Zeit wachsender Spannungen zwischen Japan und China und eines erstarkenden Nationalismus, in der Kampfkünste auch der Erziehung zu Disziplin und Wehrbereitschaft dienten.
Quellen: Donald Keene: Emperor of Japan. Meiji and His World, 1852–1912. Columbia University Press, New York 2002, S. 302–306, ISBN 978-0-231-12340-2 (Annexion 1879); Hideaki Uemura: The colonial annexation of Okinawa and the logic of international law. Japanese Studies 23 (2), 2003, S. 107–124, doi:10.1080/1037139032000154867; Motobu Chōki: Watashi no Karatejutsu (1932), hg. und übers. von Andreas Quast, 2020, S. 36 (Itosu); Funakoshi Gichin: Karate-dō ichiro (空手道一路). Sankei Shuppan, Tokio 1956, S. 109 (Tokio 1922); „空手座談会“ (Karate-Gesprächsrunde). Ryūkyū Shinpō, 27. 10. 1936 (Umbenennung); John Stevens: Three Budo Masters. Kodansha International, Tokio 1995, ISBN 4-7700-1852-5; weiterführend: Wikipedia, Artikel „Karate“ (Anerkennung durch den Butokukai 1933).
3. Was dabei wegfiel
Mit der Ausrichtung auf Schulsport, Gruppentraining und später Wettkampf traten viele Inhalte der ursprünglichen Kampfkunst in den Hintergrund oder verschwanden aus dem Unterricht:
- Heiltechniken und Gesundheitslehre
- Partnerübungen, die Nähe, Kontakt und Gefühl für den Gegner schulen
- Vitalpunkttechniken (Kyūsho)
- Hebel- und Bruchtechniken (Tuite, Kansetsu-Waza)
- Wurftechniken (Nage-Waza)
Meitatsu Yagi beschreibt das Meibukan heute ausdrücklich mit vielen Gelenktechniken (Kansetsu-Waza) und Nahkampf.
Quellen: Patrick McCarthy, Bubishi (s. o.); Budo Japan: Interview mit Meitatsu Yagi (2024).
4. Sportkarate heute
Im heutigen Wettkampfkarate stehen Kumite (Zweikampf nach Regeln, mit Punktwertung) und Kata (Formenlauf, von Kampfrichtern bewertet) im Mittelpunkt. Bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021 war Karate erstmals olympisch; für Paris 2024 wurde es nicht wieder ins Programm aufgenommen.
Meitatsu Yagi beschreibt den Unterschied so: Einen verlorenen Wettkampf kann man im nächsten Jahr wiederholen – eine Auseinandersetzung auf der Straße nicht. Dort gibt es keine Regeln, keinen Kampfrichter und keinen Arzt.
Quellen: olympics.com: Karate; Budo Japan: Interview mit Meitatsu Yagi (2024).
5. Der Weg im Ōkami Dō
Im Ōkami Dō wird traditionelles Okinawa-Karate im Stil Meibukan Gōjū-Ryū trainiert – im Vollkontakt, in kleinen Gruppen und ohne Wettkampfausrichtung. Realistische Selbstverteidigung braucht Jahre; diese Zeit nimmt sich das Training.
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