Bibliothek › 10. Philosophie › Kempō Hakku
Das Kempō Hakku (拳法八句, „Die acht Lehren der Faust“) ist ein Gedicht aus dem Bubishi. Die dritte Zeile gab dem Gōjū-Ryū seinen Namen.

1. 人心同天地 – Jinshin wa Tenchi ni Onaji
Die Seele ist eins mit Himmel und Erde.
Der philosophische Ansatz gleicht dem des Bunbu Ryōdō (Der Weg des Schwertes und des Pinsels). In den Martial Arts ist das duale Konzept allgegenwärtig. Das Training umfasst die physische (Erde) und psychische Ebene (Himmel). Die Balance dieser Aspekte ist essenziell.
2. 血脈似日月 – Ketsumyaku wa Nichigetsu ni Nitari
Der Zyklus des Körpers und der Sonne/Mond gleichen sich.
Sonne und Mond befinden sich im konstanten Wechsel. Ebenso fließen die Säfte des Körpers stetig. Die Allegorie drückt das daoistische Prinzip des ewigen konstanten Flusses aus. Die Bewegung, die Atmung, das Training, das Anpassen, die Veränderung sollen dem Gedanken angepasst werden. Jeder Aktion folgt die Nächste. Endet etwas, beginnt etwas.
3. 法剛柔呑吐 – Hou wa Goju wo Donto Su
Alles im Universum atmet hart und weich.
Das Einatmen ist weich, das Ausatmen ist hart. Ziehende Techniken sind weich, stoßende Techniken sind hart. Beim Aufnehmen/Blocken wird weiche Flexibilität benötigt. Schlag- und Stoßtechniken benötigen Kraft und Härte. Ebenso soll man hart zu sich sein, damit man sanft zu Anderen wird. Dies bezieht sich auf die Art des Trainings mit sich selbst. Das Ziel des Trainings ist ein gutes Herz.
4. 身随時應変 – Mi wa Toki ni Shitagai Hen ni Ozu
Anpassung an den stetigen Wandel.
Improvisiere, Adaptiere, Überwinde. Der Überlebensslogan ist auf jede Ebene des Trainings anwendbar. In einem Kampf, ob freundschaftlich oder zur Selbstverteidigung, ist die Reaktions- und Anpassungsfähigkeit fundamental. Das Training soll die Fertigkeit hervorbringen, den Körper und Geist bewusst steuern zu können, um auf unvorhersehbare Situationen adäquat reagieren zu können.
5. 手逢空則入 – Te wa Ku ni Ai Sunawachi Hairu
Die wahre Technik offenbart sich in der Abwesenheit des bewussten Denkens.
Das Training zielt darauf ab, die Bewegungen in den Körper zu schreiben. Muskelgedächtnis benötigt Jahre des konstanten Trainings. Der leere Geist (Mushin) oder „Be Water, my Friend“ von Bruce Lee zielen ebenso auf das Konzept. In einer Gefahrensituation ist ein ruhiger Geist essenziell, sowie, dass der Körper weiß, wie er reagieren muss.
6. 碼進退離逢 – Shin Tai wa Hakarite Riho Su
Abstand (Maai) und Haltung (Kamae) bestimmen den Ausgang jeder Situation.
Wie die Füße, die sich treffen und entfernen müssen, ist das Verständnis von Schwerpunkt, Haltung und Abstand notwendig. Offene Hände und selbstbewusste Körpersprache wirken deeskalierend.
7. 目要視四向 – Me wa Shihou wo Miru wo Yo Su
Die Augen schauen in alle Richtungen.
Sieh, was nicht sichtbar ist. Erkenne Muster. Vermeide gefährliche Situationen. Reagiere, wenn es nötig ist. Die korrekte Einschätzung der Körpersprache ist das Ziel.
8. 耳能聴八方 – Mimi wa Yoku Happo wo Kiku
Die Ohren hören in alle 8 Richtungen.
Erwarte das Unerwartbare. Awareness muss mit allen Sinnen erfolgen, nicht nur auf potentielle Gegner, sondern auch der Raum muss wahrgenommen werden.
Quellen
- Patrick McCarthy: Bubishi. The Classic Manual of Combat. Tuttle Publishing, Tokio 1995.
- Gankaku Team Hungary: Bubishi – The Eight Laws of the Fist / Kempo Hakku (Kanji und Romaji)
- Seikichi Toguchi: Okinawan Goju-Ryu. Black Belt Communications, Burbank 1976, S. 14, ISBN 978-0-89750-018-0.
- Morio Higaonna: The History of Karate. Okinawan Goju Ryu. Dragon Books, Isleworth 2001, S. 67–68, ISBN 0-946062-36-6.