Geisteszustände

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In den japanischen Kampfkünsten werden mehrere Begriffe für die geistige Haltung der Übenden verwendet. Alle enthalten das Zeichen 心 (shin), das sowohl „Herz“ als auch „Geist“ bedeutet. Vier davon gelten als besonders grundlegend: Shoshin, Mushin, Zanshin und Fudōshin.

Shoshin (初心) – der Anfängergeist

Shoshin setzt sich aus sho (初, „Anfang“) und shin (心, „Geist“) zusammen. Gemeint ist eine offene, unvoreingenommene Haltung gegenüber dem Lernen, auch bei großer Erfahrung. Der Begriff wird mit dem Zen-Buddhismus verbunden und ist schon beim Nō-Dichter Zeami (1424) in der Mahnung „Shoshin wasuru bekarazu“ („Den Anfängergeist nicht vergessen“) belegt. Bekannt wurde er im Westen durch Shunryū Suzukis Buch Zen Mind, Beginner’s Mind (1970): „Im Geist des Anfängers gibt es viele Möglichkeiten, im Geist des Experten nur wenige.“

Mushin (無心) – der Geist ohne Fixierung

Mushin bedeutet wörtlich „Nicht-Geist“ oder „Geist ohne Geist“ (chinesisch wúxīn) und ist eine Kurzform von mushin no shin. Der Begriff stammt aus der Chan-/Zen-Literatur und findet sich auch im daoistischen Zhuangzi. Er bezeichnet nicht das völlige Fehlen von Gedanken, sondern das Fehlen von Anhaften und Grübeln: Der Körper reagiert spontan, ohne dass Wut, Angst oder Ichbezogenheit die Handlung stören. Der Zen-Mönch Takuan Sōhō (1573–1645) stellte in seinen Briefen an Schwertkämpfer dem „Geist mit Absicht“ (ushin, 有心) den „Geist ohne Absicht“ (mushin) gegenüber.

Zanshin (残心) – der verbleibende Geist

Zanshin bedeutet „verbleibender Geist“: wache, entspannte Aufmerksamkeit vor, während und nach einer Handlung. Im Kyūdō bezeichnet es die Körperhaltung nach dem Lösen des Pfeils, im Kendō die geistige und körperliche Bereitschaft, die nach einem Angriff bestehen bleibt. Im Karate steht Zanshin für die vollständige Wachheit gegenüber der Umgebung und möglichen weiteren Gegnern, verbunden mit der Bereitschaft zu reagieren. Im Kendō gilt Zanshin als wesentlicher Bestandteil eines guten Angriffs.

Fudōshin (不動心) – der unbewegte Geist

Fudōshin („unbewegter Geist“) beschreibt Gleichmut und Unerschütterlichkeit. Das Bild stammt von Fudō Myōō (不動明王), einer Schutzgottheit des Shingon-Buddhismus, die in der rechten Hand ein Schwert (zum Durchtrennen von Verblendung) und in der linken ein Seil (zum Binden der Leidenschaften) trägt. Takuan Sōhō deutete „unbewegt“ im Fudōchi Shinmyōroku (不動智神妙録, „Aufzeichnung der geheimnisvollen unbewegten Weisheit“, Brief an den Schwertmeister Yagyū Munenori) nicht als Stillstehen: Der Geist bleibt an nichts haften – weder am Gegner noch am eigenen Schwert – und kann sich dadurch frei in alle Richtungen bewegen.

Zusammenhang der Begriffe

Die vier Begriffe beschreiben verschiedene Seiten derselben Haltung: Shoshin hält zum Lernen offen, Mushin und Fudōshin beschreiben die Freiheit von Fixierung im Moment der Handlung, Zanshin die fortdauernde Wachheit danach. Die Begriffe stammen überwiegend aus der Schwertkunst und dem Zen und wurden später auf das Karate übertragen; ihre Deutung unterscheidet sich je nach Schule und Autor.

Bezug zum Training

  • Shoshin: Auch Fortgeschrittene wiederholen Grundtechniken (Kihon) mit der Aufmerksamkeit von Anfängern.
  • Zanshin: Am Ende einer Technik oder Kata bleiben Blick, Haltung und Spannung erhalten, statt sofort zu entspannen oder abzuschalten.
  • Mushin und Fudōshin: Beim Kumite und in der Kata geht es darum, nicht an einzelnen Angriffen, Erfolgen oder Fehlern hängen zu bleiben.
  • Die Meditation (Mokusō) zu Beginn und am Ende der Stunde (siehe Beginn und Ende der Stunde) übt die ruhige, gesammelte Haltung.

Quellen

  • Dōgen: Shōbōgenzō, Buch 2 und 4. Übersetzt von Gudo Nishijima und Chodo Cross. Windbell Publications 1996/1999, S. 103 bzw. S. 31.
  • Zeami: Performance Notes. Übersetzt von Tom Hare. Columbia University Press, New York 2008, S. 467, ISBN 978-0-231-13958-8.
  • Shunryū Suzuki: Zen Mind, Beginner’s Mind. Weatherhill, New York/Tokio 1970.
  • Daisetz T. Suzuki: Manual of Zen Buddhism. S. 80 (mushin no shin).
  • Livia Knaul: The Habit of Perfection. A Summary of Fukunaga Mitsuji’s Studies on the Chuang-tzu Tradition. Cahiers d’Extrême-Asie 1, 1985, S. 71–85, doi:10.3406/asie.1985.860.
  • Tadashi Nishihira: The Philosophy of No-Mind. Experience without Self. Bloomsbury Academic, London 2022, S. 114–119, ISBN 978-1-350-23304-1.
  • Kenneth Kushner: One Arrow, One Life. Zen, Archery, Enlightenment. Tuttle, Boston 2000, S. 73.
  • Hideharu Onuma, Dan und Jackie DeProspero: Kyudo. The Essence and Practice of Japanese Archery. Kodansha International, Tokio 1993, S. 84–85.
  • Kevin Healy: Karate. Connections Book Publishing 2002, S. 21.
  • H. E. Davey: Japanese Yoga. The Way of Dynamic Meditation. Berkeley 2006, ISBN 1-880656-60-4.
  • weiterführend: Wikipedia, Artikel „Fudōshin“ (zu Fudō Myōō)
  • Takuan Sōhō: The Unfettered Mind. Writings of the Zen Master to the Sword Master. Übersetzt von William Scott Wilson. Kodansha International, Tokio 1986 (enthält das Fudōchi Shinmyōroku).
  • Einleitung zu Takuan Sōhō, Schriften über Zen und Schwertkunst (PDF, Terebess)

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