Bibliothek › 10. Philosophie › Bunbu Ryōdō
Bunbu Ryōdō (文武両道) bezeichnet das Ideal, Wissenschaft und Kriegskunst gleichermaßen zu pflegen. Die Zeichen bedeuten: bun (文, Schrift, Literatur, Gelehrsamkeit), bu (武, Kriegskunst), ryō (両, beide) und dō (道, Weg) – wörtlich also „beide Wege von Feder und Schwert“. Im heutigen Japanisch wird der Ausdruck auch für Menschen verwendet, die sowohl in der Schule als auch im Sport gut sind.
Ursprung in der chinesischen Tradition
Der Gedanke, dass staatliche Ordnung sowohl zivile Bildung als auch militärische Stärke braucht, stammt aus der chinesischen Klassik und war in Japan schon früh bekannt. Auch Krieger der Kamakura-Zeit pflegten neben dem „Weg von Bogen und Pferd“ (kyūba no michi, 弓馬の道) Dichtung und Hofbräuche.
Die Buke Shohatto (1615)
Ausdrücklich festgeschrieben wurde das Ideal in der Edo-Zeit. Der erste Artikel der Buke Shohatto (武家諸法度, „Gesetze für die Kriegerhäuser“, erlassen 1615 nach dem Fall der Burg Ōsaka) lautet: Bunbu kyūba no michi, hitasura ai tashinamubeki koto (文武弓馬の道、専ら相嗜むべき事) – „Der Weg von Wissenschaft und Kriegskunst, Bogen und Pferd, ist mit Hingabe zu pflegen.“ Die Begründung nennt den alten Grundsatz „Bun zur Linken, Bu zur Rechten“: Beides müsse zugleich beherrscht werden. Die Revision von 1683 formulierte den Artikel um in „Wissenschaft und Kriegskunst, Loyalität und Kindespflicht fördern und Anstand wahren“; das lässt sich als Verschiebung vom Militärischen zur konfuzianischen Ethik lesen. Die Wortfolge „Bun vor Bu“ gilt als Hinweis auf den Vorrang der zivilen Bildung.
In den Lehranstalten der Fürstentümer (hankō) wurden in der Edo-Zeit klassische Texte neben Schwert- und Bogenkunst unterrichtet.
Musashi und der zweifache Weg
Auch Miyamoto Musashi greift den Gedanken im Erdbuch des Go Rin no Sho auf: Der Weg des Kriegers sei der zweifache Weg von Feder und Schwert; auch ohne besondere Begabung könne man durch gleichmäßiges Üben beider Teile Krieger werden. Gleichzeitig begrenzt er die Kunst auf den Weg der Strategie und lehnt es ab, sie mit anderen Wegen zu vermischen.
Spannung statt Harmonie
Die Formel Bunbu Ryōdō drückt nicht nur Ausgleich aus, sondern auch eine Spannung: Kriegskunst allein kann zu Roheit, Gelehrsamkeit allein zu Weichheit führen. Dass ein eigener Ausdruck nötig war, zeigt, dass der Ausgleich nicht selbstverständlich war.
Bezug zu Karate und Meibukan
Das okinawanische Karate wurde ab 1905 auch im Schulunterricht gelehrt; so unterrichtete Higaonna Kanryō Karate an einer Handelsschule in Naha als Erziehung für Körper, Geist und Moral. Meitoku Yagi (1912–2003) wird mit dem Satz überliefert, die Technik solle nicht Hauptziel sein; stattdessen solle der „Weg des Lebens“ durch Karate studiert werden (IMGKA).
Bezug zum Training
- Technik, Kata und Kumite werden ergänzt durch Kenntnis von Terminologie, Geschichte und Hintergründen; dazu dient diese Bibliothek.
- Das Training soll Körper und Geist gleichermaßen schulen; Wissen aus der Bibliothek ersetzt das Üben nicht, und Üben ersetzt nicht das Verständnis.
- Schule, Beruf und Training bilden gemeinsam den „doppelten Weg“ im Alltag.
Quellen
- Bushidō-Glossar: 文武両道 (japanisch)
- Bushidō-Quellen: Buke Shohatto, Genna-Fassung 1615 (Originaltext)
- Japan Arts Council: Bunraku-Digitalbibliothek – Hintergrund (Wandel der Buke Shohatto, japanisch)
- From the Art of Victory to the Art of Keeping Peace (2022), Übersetzung von Artikel 1 der Buke Shohatto
- Morio Higaonna: The History of Karate. Okinawan Goju Ryu. Dragon Books, Isleworth 2001, S. 22, ISBN 0-946062-36-6.
- IMGKA: Begrüßung (Zitat Meitoku Yagi)
- Miyamoto Musashi: The Book of Five Rings, Erdbuch. Übersetzt von William Scott Wilson. Shambhala, Boston 2002.
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