Bibliothek › 10. Philosophie › Körperspannung
Im okinawischen Karate werden mehrere Arten von Körperspannung unterschieden. Die Begriffe stammen teils aus dem Japanischen, teils aus dem Okinawischen (Uchināguchi), das keine eigene Schrifttradition für Fachbegriffe hatte; Schreibungen mit Kanji sind deshalb oft nachträgliche Zuordnungen. Gemeinsamer Grundgedanke: Werden die Gelenke im Moment des Treffers ausgerichtet und kurz „eingerastet“, überträgt der Körper die Kraft über Knochen und Sehnen wirksamer, als es reine Muskelkraft vermag. Zur Physik dahinter siehe das Kapitel Physik im Karate.
Übersicht
| Begriff | Schreibung | Sprache | Kurzbedeutung |
|---|---|---|---|
| Kime | 決め | japanisch | Fokus, Entscheidung; kurze Ganzkörperspannung im Endpunkt einer Technik |
| Chinkuchi | 筋骨 (zugeordnet, kinkotsu) | okinawisch | „Muskel, Sehnen, Knochen“; Ausrichten und Einrasten der Gelenke im Moment des Kontakts |
| Muchimi / Mochimi | 餅身 oder 鞭身 (beides belegt) | okinawisch / japanisch | schwer und klebrig wie Reiskuchen bzw. peitschenartig |
| Gamaku | ohne feste Kanji | okinawisch | Flanke zwischen Becken und Rippen; Krafterzeugung aus diesem Bereich |
| Shime | 締め | japanisch | Anziehen, Festziehen; gehaltene Spannung, auch die Prüfung der Haltung in Sanchin |
| Kunchi | ohne feste Kanji | okinawisch | Ausdauer, Kraftreserve; Teil des Begriffspaares Chin + Kunchi |
Kime (決め)
Kime kommt von kimeru (決める, „entscheiden, festlegen“). Gemeint ist die kurze, vollständige Anspannung des Körpers im Endpunkt einer Technik, verbunden mit Ausatmung und Konzentration; unmittelbar danach wird wieder gelöst. Im Glossar dieser Bibliothek steht Kime für „maximale Anspannung mit Kampfgeist bei der Ausführung“. In der Kata-Beschreibung heißt der Endpunkt Kimepunkt (siehe Kata).
Chinkuchi (筋骨)
Chinkuchi ist ein okinawischer Begriff, der meist mit 筋骨 (japanisch kinkotsu, „Muskeln und Knochen“, auch „Bewegungsapparat“) verbunden und als „Muskel, Sehnen, Knochen“ erklärt wird. Morio Higaonna beschreibt damit die Spannung und Stabilität der Gelenke: Beim Stoßen oder Blocken werden die Gelenke für einen Augenblick fixiert und die Konzentration auf den Kontaktpunkt gerichtet; der Stand wird durch das Fixieren von Fußgelenken, Knien und Hüfte und durch das Greifen des Bodens mit den Füßen gefestigt. Die schnelle, freie Bewegung wird im Treffer kurz angehalten, die Kraft übertragen, danach wird sofort gelöst.
Andere Erklärungen leiten den Begriff aus chin („Muskel, Sehne“) und kunchi („Ausdauer, Kraft“) ab und schreiben Chinkunchi. Tokashiki Iken beschreibt Chinkuchi als Zusammenziehen von Trapezmuskel, Trizeps und großem Brustmuskel beim Stoß bei geschlossener Achsel. Die Erklärungen unterscheiden sich im Detail, stimmen aber in der Kernaussage überein: kurze, koordinierte Spannung von Muskeln, Sehnen und Gelenken im Moment des Kontakts.
Muchimi und Mochimi
Muchimi (ムチミ) ist die okinawische Aussprache; Mochimi wird teils als japanische Lesung desselben Wortes, teils als eigener Begriff verwendet. Für die Schreibung sind zwei Deutungen verbreitet:
- 餅身 (auch 餅味) – von mochi (餅, Reiskuchen aus Klebreis): schwer, weich und klebrig. Die Technik „haftet“ am Gegner, ist zugleich schwer und nachgiebig; dazu passt das Bild der klebenden Hände im Kake-Te.
- 鞭身 (auch 鞭味) – von muchi (鞭, Peitsche): locker, elastisch und peitschenartig. Die Kraft wird aus entspannter Bewegung erzeugt und schnellt erst am Ende in das Ziel.
Manche Autoren ordnen die schwere, klebrige Qualität eher dem Gōjū-Ryū (Naha-Te) und die peitschenartige eher dem Shōrin-Ryū (Shuri-Te) zu; so auch das Glossar dieser Bibliothek („Klebereiskörper“ bzw. „Peitschenkörper“). Andere verwenden Muchimi als Oberbegriff für beides.
⚠ Zu prüfen: Die Unterscheidung Muchimi/Mochimi ist in den Quellen uneinheitlich. Ob es sich um zwei Begriffe oder um zwei Aussprachen eines Begriffs handelt und welche Kanji ursprünglich gemeint waren, ist nicht gesichert. Bitte die im Ōkami Dō verwendete Lesart festlegen.
Gamaku
Gamaku bezeichnet im Okinawischen den weichen Bereich der Flanke zwischen Becken und Rippen. „Gamaku einsetzen“ bedeutet, die Kraft aus Becken und Rumpfmitte über diesen Bereich in den Oberkörper und die Arme zu übertragen. Der Begriff stammt auch aus dem klassischen Ryūkyū-Tanz (Ryūkyū Buyō), in dem Gamaku, Chinkuchi und Muchimi ebenfalls gelehrt werden. Feste Kanji gibt es nicht.
Shime (締め)
Shime bedeutet „Anziehen, Festziehen“. Gemeint ist die gehaltene, nach innen gerichtete Spannung, etwa das Schließen der Achseln, das Anziehen der Knie in Sanchin-Dachi und das Zusammenziehen der Schulterblätter. Im Gōjū-Ryū bezeichnet Shime außerdem die Prüfung der Haltung durch den Lehrer während der Kata Sanchin.
Muchimi, Kunchi und Chinkuchi als Dreiheit
In einigen Darstellungen werden Muchimi, Kunchi und Chinkuchi als Dreiheit genannt: Muchimi für die schwere, haftende oder peitschenartige Bewegung, Kunchi für Ausdauer und Kraftreserve, Chinkuchi für die kurze Spannung im Kontakt. Diese Dreiheit ist in englischsprachiger Literatur und auf Dōjō-Seiten zu finden, aber nicht einheitlich belegt.
⚠ Zu prüfen: Die Dreiheit Muchimi – Kunchi – Chinkuchi ließ sich nicht in einer zuverlässigen Primärquelle nachweisen. Die Bedeutung von Kunchi als eigener Spannungsart ist unsicher.
Grundgedanke: Struktur statt Muskelkraft
Nach dem Wechselwirkungsprinzip wirkt beim Treffer dieselbe Kraft auf den eigenen Körper zurück. Ist ein Gelenk nicht ausgerichtet, gibt es nach: Ein Teil der Kraft geht im eigenen Körper verloren, die Kontaktzeit verlängert sich und die Spitzenkraft sinkt. Werden die Gelenke dagegen ausgerichtet und kurz fixiert, wirkt die Kraft entlang der Knochen, und ein größerer Teil der Körpermasse wirkt mit. Physikalisch erklärt wird das auf den Seiten Kraft und Impuls und Kraftstoß.
- In der Bewegung locker beschleunigen, im Kontakt kurz spannen, danach sofort lösen.
- Spannung wird mit der Atmung verbunden (siehe Atmung – Ibuki und Nogare).
- Sanchin dient als Grundübung für Haltung, Ausrichtung der Gelenke und gehaltene Spannung (siehe Sanchin).
Quellen
- Jesse Enkamp: Chinkuchi – Another Exotic Okinawan Karate Word (mit Zitaten von Morio Higaonna und Tokashiki Iken)
- Ryukyu Martial Arts: Uchinaaguchi Technical Terminology
- Budo Japan: The secrets of Gamaku (Karate und Ryūkyū Buyō)
- 「チンクチ」と「ガマク」 (japanisch)
- Morio Higaonna: Traditional Karatedo – Okinawa Goju Ryu, Vol. 1: Fundamental Techniques. Japan Publications, Tokio 1985.
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