Bibliothek › 6. Kata › Sanchin
Sanchin (三戦, „drei Kämpfe“ oder „drei Schlachten“) ist die grundlegende Kata des Gōjū-Ryū. Sie wird nicht nur als Technikform verstanden, sondern auch als gelaufene Meditation: Langsame, kontrollierte Schritte, eine feste Haltung und die Ibuki-Atmung verbinden Körper, Atem und Geist. Zur Atmung siehe Atmung – Ibuki und Nogare, zur Einordnung unter den Kata Heishu-Kata (Tanren).
Herkunft
Sanchin geht auf chinesische Kampfkünste aus der Provinz Fujian zurück; ähnliche Formen (Sānzhàn) finden sich etwa im Weißen-Kranich-Stil (Hakutsuru) und anderen südchinesischen Systemen. Higaonna Kanryō (東恩納寛量, 1853–1915) lernte in Fuzhou und brachte die Form nach Okinawa. Sein Schüler Chōjun Miyagi (宮城長順, 1888–1953), Begründer des Gōjū-Ryū, überarbeitete sie; überliefert ist unter anderem, dass er die ursprünglich mit offenen Händen geübte Form auf geschlossene Fäuste umstellte. Higaonnas genaue Lehrer und Lernorte in China sind historisch nicht gesichert.
Die drei „Kämpfe“
Häufig wird der Name als Einheit von drei Bereichen gedeutet: Körper (Haltung, Stand, Spannung), Atem (Ibuki, Rhythmus) und Geist (Konzentration, Ruhe). Andere Deutungen nennen Geist, Körper und Technik oder beziehen die Zahl auf die drei Richtungen bzw. drei Stufen der Übung. Diese Deutungen sind Auslegungen; der Name selbst ist nicht eindeutig erklärt.
Stellung: Sanchin-Dachi
Die Kata wird in Sanchin-Dachi (三戦立ち) ausgeführt: Die Füße stehen etwa schulterbreit, der vordere Fuß leicht vorgesetzt, die Zehen leicht nach innen gedreht, die Knie leicht gebeugt und nach innen gespannt. Das Becken ist aufgerichtet, der Rücken gerade, die Schultern gesenkt. Die Stellung gilt als sehr stabil und verwurzelt.
Atmung und Spannung
Jede Bewegung ist mit der Ibuki-Atmung verbunden; die Atmung beginnt bereits mit der ersten Bewegung in den Morote Uke. Die Spannung im Tanden wird während des gesamten Atemzyklus und der gesamten Kata gehalten. Nach jeder Technik wird die volle Spannung gehalten, während innerlich bis zwei gezählt wird; erst während der nächsten Bewegung wird die übrige Körperspannung gelöst. Insgesamt enthält die Kata 36 volle Muskelspannungen. Die Hinweise zur Sicherheit auf der Seite Atmung – Ibuki und Nogare gelten auch hier.
Hinweise zur Ausführung im Ōkami Dō
Im Mittelpunkt steht das Training der Struktur des Körpers. Die folgenden Hinweise stammen aus den Trainingsnotizen des Ōkami Dō (Meibukan):
- Die Schulterblätter werden stets hinten zusammengezogen und gespannt.
- Beim Tsuki werden die Arme spiralförmig gespannt, ähnlich dem Auswringen eines Tuchs (im Dōjō als „Brennnessel“ beschrieben): der Bizeps gegen den Uhrzeigersinn, der Unterarm im Uhrzeigersinn.
- In den Beinen wird gegenläufig gespannt: die Unterschenkel und Füße nach außen, die Oberschenkel nach innen.
- Bei Drehungen erfolgt die Drehung des Körpers gleichzeitig mit dem Wechsel der Stellung.
- Der Mawashi Uke am Ende der Kata wird mit ausgestreckten Armen ausgeführt, sodass die Gelenke einrasten.
Shime – die Prüfung der Haltung
Beim Shime (締め, „Anziehen, Festziehen“) prüft der Lehrer während der Kata Haltung und Spannung durch Klopfen, Drücken oder Schlagen auf Schultern, Rücken, Arme, Bauch und Beine. So werden Schwachstellen in der Haltung sichtbar, und der Übende lernt, Stabilität und Atmung auch unter äußerem Druck zu bewahren. Intensität und Art des Shime richten sich nach Erfahrung und Belastbarkeit.
Drei Formen der Meditation
| Form | Haltung | Merkmale |
|---|---|---|
| Zazen / Mokusō (坐禅 / 黙想) | sitzend | Stilles Sitzen mit ruhiger Atmung; im Dōjō als Mokusō zu Beginn und am Ende des Trainings. |
| Kinhin (経行) | gehend | Langsames, achtsames Gehen im Zen, meist zwischen Zazen-Abschnitten; Atem und Schritt werden aufeinander abgestimmt. |
| Sanchin (三戦) | gehend, unter Spannung | Gelaufene Meditation der Kampfkunst: langsame Schritte in Sanchin-Dachi, Ibuki-Atmung, Spannung im Tanden, Konzentration auf Haltung und Atem. |
Allen drei Formen gemeinsam ist die Sammlung der Aufmerksamkeit auf Atem und Körper. Sanchin unterscheidet sich durch die Verbindung mit Technik, Muskelspannung und der Möglichkeit äußerer Prüfung (Shime).
Bedeutung für das Training im Ōkami Dō
- Sanchin wird regelmäßig geübt und dient als Grundlage für Stand, Atmung und Körperspannung in allen weiteren Kata.
- Die Kata verbindet Kraftaufbau (Tanren) mit Konzentration und kann als bewegte Meditation verstanden werden.
- Shime wird schrittweise und dem Ausbildungsstand angepasst eingesetzt.
Quellen
- Sanchin kata. Black Belt (Magazin), S. 39–40 (Deutung des Namens).
- George E. Mattson: The Way of Uechi-Ryū Karate. Peabody Publishing, 2010, ISBN 978-0-930559-38-0 (Shime).
- Robert Aitken: Taking the Path of Zen. North Point Press, New York 1999, S. 35–36, ISBN 0-86547-080-4.
- Nobuyoshi Yamabe, Fumihiko Sueki (Übers.): The Sutra on the Concentration of Sitting Meditation. Numata Center for Buddhist Translation and Research, Berkeley 2009, S. xiv–xvii.
- Morio Higaonna: Traditional Karatedo – Okinawa Goju Ryu, Vol. 1: Fundamental Techniques. Japan Publications, Tokio 1985.
- Patrick McCarthy: Bubishi. The Classic Manual of Combat. Tuttle Publishing, Tokio 1995.