Bibliothek › 10. Philosophie › Elementelehre
Zwei Elementlehren aus Ostasien begegnen in der Kampfkunst-Literatur: das japanisch-buddhistische Godai (五大) und das chinesische Wu Xing (五行). Beide kennen fünf Elemente, unterscheiden sich aber in der Zusammensetzung und im Grundgedanken.
Godai (五大) – die fünf Großen
Godai bedeutet wörtlich „fünf Große“ und bezeichnet die fünf Elemente des japanischen Buddhismus. Das Konzept geht auf die indische Lehre der mahābhūta zurück, wurde über China vermittelt und in Japan vor allem im esoterischen Buddhismus (Mikkyō) ausgeformt; dort gehört es zur Vorstellung der Gorin (五輪, „fünf Ringe“).
| Element | Kanji | Lesung | Sinnbild |
|---|---|---|---|
| Erde | 地 | Chi | Festes, Stabilität |
| Wasser | 水 | Sui | Flüssiges, Anpassung |
| Feuer | 火 | Ka | Energie, Verbrennung |
| Wind | 風 | Fū | Bewegung, Gasförmiges |
| Leere (auch Himmel) | 空 | Kū | Formloses, Raum |
Die Leere gilt dabei nicht als Stoff, sondern als das Formlose, in dem die anderen Elemente erscheinen. Miyamoto Musashi benannte die fünf Bücher seines Go Rin no Sho (五輪書, „Buch der fünf Ringe“, 1643–1645) nach diesen Elementen: Erde, Wasser, Feuer, Wind und Leere.
Wu Xing (五行) – die fünf Wandlungsphasen
Wu Xing (japanisch Gogyō) bezeichnet die fünf Phasen Holz (木 mù), Feuer (火 huǒ), Erde (土 tǔ), Metall (金 jīn) und Wasser (水 shuǐ). Die Lehre wurde im 2. bzw. 1. Jahrhundert v. Chr. in der Han-Zeit ausformuliert. Ihr Schwerpunkt liegt nicht auf Stoffen, sondern auf Prozessen: Die Phasen gehen in einem erzeugenden Zyklus ineinander über (Holz nährt Feuer, Feuer erzeugt Erde, Erde bringt Metall hervor, Metall erzeugt Wasser, Wasser nährt Holz) und begrenzen sich in einem kontrollierenden Zyklus.
Ein Unterschied in Kürze: Godai beschreibt statische Bausteine (Erde, Wasser, Feuer, Wind, Leere), Wu Xing dynamische Phasen. Holz und Metall des Wu Xing entsprechen in Godai Wind und Leere nicht unmittelbar, sondern gehören zu einem anderen Modell.
Bedeutung in den Kampfkünsten
Die Fünf-Elemente-Lehre hat in chinesischen Kampfkünsten wie Taijiquan und Xingyiquan Bedeutung. In der japanischen Schwertkunst dient Godai bei Musashi als Ordnungsrahmen für die Darstellung der Strategie: Die Erde bildet das Fundament, das Wasser steht für Anpassungsfähigkeit und die Grundlagen der eigenen Schule, das Feuer für den Kampf und das Timing, der Wind für die Auseinandersetzung mit anderen Schulen (das Zeichen 風 bedeutet auch „Stil“), die Leere für den ungebundenen Geist.
Gōjū-Ryū: hart und weich
Das Gōjū-Ryū (剛柔流) ist nicht nach einer Elementlehre benannt. Sein Name geht auf eine Zeile des Bubishi zurück: Hō wa gōjū o donto su (法剛柔吞吐), meist übersetzt mit „Die Methode von Ein- und Ausatmen ist hart und weich.“ Gō (剛, „hart“) steht im Gōjū-Ryū für geschlossene Hand und gerade, lineare Techniken, Jū (柔, „weich“) für offene Hand und kreisförmige Bewegungen. Diese Polarität ähnelt eher dem Gegensatzpaar Yin und Yang (siehe Dao) als den fünf Elementen. Auch im Meibukan begegnet sie, etwa im Zeichen 明 aus Sonne und Mond (siehe Meibukan-Philosophie).
Bezug zum Training
- Die Zuordnung einzelner Techniken oder Katas zu Elementen ist im Gōjū-Ryū keine feste Lehre; entsprechende Tabellen sind meist spätere Deutungen einzelner Autoren und Schulen.
- Als Bilder bieten die Elemente Denkanstöße: Erde für feste Stände (Dachi), Wasser für nachgebende, fließende Bewegung, Feuer für Dynamik, Wind für Leichtigkeit und Wechsel, Leere für freien Geist (vgl. Mushin).
- Die vier Himmelswächter, nach denen die Meibuken-Katas Seiryu, Byakko und Genbu benannt sind, stammen aus der chinesischen Kosmologie, die auch die Fünf Wandlungsphasen kennt (siehe Meibuken-Kata).
Quellen
- Henny van der Veere: A Study into the Thought of Kōgyō Daishi Kakuban. Brill, Leiden 2021, S. 133–134, ISBN 978-90-04-48759-8.
- weiterführend: Wikipedia, Artikel „Fünf-Elemente-Lehre“
- weiterführend: Wikipedia, Artikel „Wuxing (Chinese philosophy)“
- G. Cameron Hurst III: Armed Martial Arts of Japan. Swordsmanship and Archery. Yale University Press, New Haven 1998, ISBN 978-0-300-04967-1.
- Seikichi Toguchi: Okinawan Goju-Ryu. Black Belt Communications, Burbank 1976, S. 14, ISBN 978-0-89750-018-0.
- Morio Higaonna: The History of Karate. Okinawan Goju Ryu. Dragon Books, Isleworth 2001, S. 67–68, ISBN 0-946062-36-6.
- Meitatsu Yagi: The Importance of Spiritual Karate. Selbstverlag 2008, ISBN 978-0978434809 (Tenchi-Kata).
- weiterführend: Wikipedia, Artikel „Meibukan“ (Benennung der Meibuken-Kata)
- Patrick McCarthy: Bubishi. The Classic Manual of Combat. Tuttle Publishing, Tokio 1995.
- Miyamoto Musashi: The Book of Five Rings. Übersetzt von William Scott Wilson. Shambhala, Boston 2002.